Tourenbuch
04/2019

Meru South Pillar

Keyfacts
Meru South Pillar
Kletterpartner:
Sean Villanueva, Mémé
Datum:
20.04.2019

Die vor mir liegenden Granitplatten sind mit gut 25 Zentimetern Pulverschnee überzogen. Ziemlich verzweifelt schaufle ich mit meinem Pickel den Schnee weg, um die darunter liegenden Risse zu finden. Endlich passt ein Keil für eine solide Zwischensicherung. Ich blicke nach oben. Es sieht endlos aus. Die Hoffnung dass dieses von unten wie ein Schneefeld aussehende Wandstück schnell und einfach zu überwinden sei, ist zerplatz. Und zusätzlich ist einmal mehr weit und breit kein Biwakplatz zu erkennen, welchen wir so dringend bräuchten. Den eine zweite Nacht ohne Schlaf will keiner von uns! Leider fanden wir die letzte Nacht keine Ledge, auf welcher wir uns die dringend notwendigen Stunden Schlaf hätten holen können. Nach etlichen Stunden hoch und runter Klettern, auf der suche nach einem Biwakplatz, blieb uns irgendwann in der Dunkelheit keine andere Wahl mehr, als einen kleinen Sitzplatz ins Eis zu haken, und uns an zwei Eisschrauben hängend hin zu setzen. Die Nacht war kalt und lang. Das unangenehmste jedoch waren nicht die Minus 20 Grad, sondern der Wind, Schneefall und die daraus resultierenden Spindrifts.

Jedes Leiden hat ein Ende. Auch ein Sitzbiwak auf 6200 Meter! Die ersten Sonnenstrahlen, hauchten wie in einem Science Fiction Film wieder langsam Leben in unsere halb gefrorenen Körper. Sean schreit der Sonne entgegen, das war sein „ coldest and hardest bivy ever “, und lacht dabei! Sean liebt es einfach ab und an zu leiden!

Appetit ist keiner vorhanden. Trotzdem versuchen wir etwas zu Frühstücken oder zumindest etwas heissen Tee zu uns zu nehmen. Es ist bereits der vierte Tag, seit dem wir unterwegs sind. Und die letzte Nacht hat uns viel Energie gekostet. Physisch und auch mental. Jedoch so schnell geben wir uns nicht geschlagen. Der neue Plan war, den von unten klein scheinenden Felsriegel schnell zu überwinden und auf dem darüber liegenden Eis - oder Schneefeld frühzeitig ein gutes Biwak zu errichten, um dort etwas Schlaf nachholen zu können, damit wir für den Gipfeltag nochmals neue Energie tanken können.

Der Felsriegel ist jedoch höher und schwere wie erwartet! Und die schlechten Verhältnisse verhindern jedes zügige Klettern. Mit viel Einsatz, erreichen wir am frühen Nachmittag das obere Ende des senkrechten Felsriegels. Es beginnt bereits wieder zu Schneien! Alle fühlen, dass der Plan nicht läuft wie erhofft. Mémé getraut sich am Standplatz auszusprechen, was alle bereits wissen, Sean und ich jedoch noch nicht akzeptieren können.

Die Verhältnisse sind scheisse, alles ist anspruchsvoller, wie es von unten aussieht und wir haben erneut keinen Biwakplatz in Aussicht. Zusätzlich haben wir bereits ein erhöhtes Risiko auf uns genommen, bei dem vielen Neuschnee und der daraus resultierenden Lawinengefahr, auf den steilen Pass hoch zu steigen, welcher kurz vor dem Wandfuss liegt. Auf welchem Pass wir uns bereits drei Tage vor dem aktuellen Versuch, wegen zu hoher Lawinengefahr nicht getrauten hoch zu steigen und nur wenige Meter vor unserem Materialdepot, alles wieder zurück bis ins Basislager absteigen mussten! Zuhause in den Alpen bei diesen Verhältnissen, würde keiner ans Bergsteigen Denken.

Das Bauchgefühl sagt umdrehen! Es ist jedoch verdammt hart und so weit sieht es zum Gipfel nicht mehr aus. Ich steige trotzdem weiter! In der Hoffnung, dass der Schnee auf den vor uns liegenden Granitplatten, eventuell hart sein könnte. Nach einer halben Seillänge wühlen im Pulverschnee und immer wieder wegrutschten auf den darunter liegenden Granitplatten, sehe auch ich es ein, und lasse mich an dem letzten Keil zurück zum Stand zu Sean und Mémé.

Es tat einfach verdammt weh hier aufgeben zu müssen. Irgendwie waren wir uns so sicher, dass wir diese Wand durchsteigen würden! Wir alle drei harmonieren super, jeder ist fit und kompetent in diesem Gelände. Es ist die Art von Kletterei und Abendteuer, in welchem wir uns wohl fühlen! Als wir vor drei Wochen das erste mal hier am Wandfuss waren, und die Wand vor dem grossen Schneefall begutachteten, bekamen wir sogar das Gefühl, dass uns die Wand etwas zu wenig an unsere Grenzen bringen würde.

Irgendwie fühlte sich alles so gut und machbar an. Es hätte bereits vor drei Wochen klappen können, als wir das erste mal mit allem Material am Wandfuss waren. Wir biwakierten und entschieden, dass wenn sich am Morgen jeder gut fühlen würde, in die Wand einzusteigen.
Leider erhielten wir am Morgen das SMS unseres Wetterdienstes, dass das Wetter im Verlaufe des neuen Tages kippen würde!
So stiegen wir ab, mit der Idee in ein paar Tagen wieder zukommen. Dass wir ganze drei Wochen von schlechtem Wetter mit Schneefall heimgesucht würden, hat sich keiner von uns vorstellen können!

Und darum tut es auch so verdammt weh, jetzt hier oben auf rund 6300 Metern, stumm das Seil zum Abseilen durch unseren Standplatz zu ziehen. Jedem fehlen die Worte. Die Köpfe hängen tief und die Stimmung ist am Boden! Es fühlt sich darum so unfair an, weil wir gar keine echte Chance bekommen haben, die Wand wirklich zu Durchsteigen. Wir konnten unsere klettertechnischen Fertigkeiten nie zu Beweis stellen!
Im Nachhinein hätten wir uns von Mémé `s Sicherheit, einen guten Biwakplatz zu finden, nicht überzeugen lassen sollen. Aus diesem Grund liessen wir die Russen Hammock am Bergschrund um leichter unterwegs sein zu können zurück. Die Russen Hammock ist eine Art Hängematte, welche dazu dient, den Schnee oder das Eis welchen man aus der Eiswand hackt auf zu fangen, und somit irgendwann eine Plattform zum biwakieren zu haben. „If you live, you learn" heisst es so schön. Und es ist wie es ist.

Die halbe Nacht verbringen wir mit Abseilen. Der Schneefall hält an und unsere frei geschaufelten Plätze, um einen Standplatz zu bauen, werden von den Lockerschnneelawinen im halbminutentakt wieder zu geschüttet! Fix und fertig Seilen wir das letzte mal mitten in der Nacht über den Bergschrund ab. Endlich wieder heil unten!

Es hat inzwischen so viel neuen Schnee und wir sind so dehydriert, dass uns beinahe die Kraft fehlt, die wenigen Meter durch den hüfttiefen Schnee zu stapfen, um unsere Stöcke und die Russen Hammok zu holen, welche ungefähr 200 Meter entfernt sind. Mémé und ich haben schon die Hoffnung aufgegeben, die Stöcke und die Russen Hammock unter dem tiefen Schnee wieder zu finden. Doch Sean geduldiges schaufeln wird schlussendlich belohnt. Wir steigen weiter ab und verteilten das restliche Material vom Camp 1 auf unsere eh bereits schweren Rucksäcke.

Beim weitern Abstieg in der kalten Nacht Richtung ABC, hat der tiefe Schnee den Vorteil, dass wir endlich etwas warm bekommen. Die rund minus 20 Grad Celsius, der Wind, unsere Müdigkeit, wie das Dehydriert sein, hat uns alle völlig ausgekühlt! Jedoch habe ich ein ungutes Gefühlt, dass der tief verschneite und steile Hang auf dem Weg ins ABC abrutschen könnte! Endlich erreichen wir den flachen Gletscher und sind zurück in Sicherheit. Nun ist alles nur noch Kopfsache. Völlig übermüdet und enttäuscht mit den schweren Rucksäcken, den Weg über den langen lange Gletscher und die losen Blöcke zurück ins ABC zu schaffen.